ITALIEN – DAS LAND DEUTSCHER SEHNSUCHT

In den letzten Jahrhunderten ist Italien von den deutschen Dichtern, Künstlern und Denkern immer wieder mit unterschiedlichen Zielen und Vorstellungen bereist und neu entdeckt worden. Das Interesse Goethes konzentrierte sich nicht nur auf die drei Hauptstädte – Rom, Florenz und Venedig – sondern dehnte sich auch auf andere kleineren Städte wie z. B. Vicenza aus.

Über Palladio:

“Vor einigen Stunden bin ich hier angekommen und habe schon di Stadt durchlaufen, das Olympische Theater und die Gebäude des Palladio gesehen. (…) Wenn man diese Wercke nicht gegenwärtig sieht, hat man doch keinen Begriff davon. Palladio ist ein recht innerlich und von innen heraus groser Mensch gewesen. Die größte Schwürigkeit ist immer die Säulenordnungen in der bürgerlichen Baukunst zu brauchen. Säulen und Mauern zu verbinden, ist ohne Unschicklichkeit beynahe unmöglich, davon mündlich mehr. Aber wie er das duchreinander gearbeitet hat, wie er durch die Gegenwart seiner Wercke imponirt und vergessen macht, daß es Ungeheuer sind. Es ist würklich etwas göttliches in seinen Anlagen, völlig die Force des großen Dichters der aus Wahrheit und Lüge ein drittes bildet, das uns bezaubert. Das Olympische Theater ist, wie du vielleicht weißt, ein Theater der Alten realisirt. Es ist unaussprechlich schön. Aber als Theater, gegen unsre ietzigen, kommt es mir vor wie ein vornehmes, reiches, wohlgebildetes Kind, gegen einen klugen Kaufmann der weder so vornehm, so reich, noch so wohlgebildet ist; aber besser weiß was er mit seinen Mitteln anfangen kann. (…) Was sich die Basilika des Palladius neben einem alten mit ungleichen Fenstern übersäten Kastelähnlichen gebäude ausnimmt, das er sich gewiß zusammt dem Thurm weggedacht hat, läßt sich nicht ausdrucken.”

Über die Landschaft:

“Der Weg von Verona hierher ist sehr angenehm, man fährt Nordostwärts an den Gebürgen hin und hat die Vorderberge, die aus Klack, Sand, Thon, Mergel bestehn, immer lincker Hand; auf den Hügeln die sie bilden liegen Orte, Schlösser, Häuser dann folgt die weite Plaine durch die man fährt. Der gerade, gut unterhaltene, weite Weg geht durch fruchtbares Feld, an Reihen von Bäumen sind die Reben in die Höhe gezogen, von denen sie, als wärens die Zweige, herunter fallen. Hier kann man sich eine Idee von Festons bilden. Die Trauben sind zeitig und beschweeren die Rancken, die lang und schwanckend herunter hängen, der Weg ist voll Menschen aller Art und Gewerbes, besonders freuten mich die Wagen, die mit 4 Ochsen bespannt, grose Kufen fuhren, in denen die Weintrauben aus den Weingärten gehohlt und gestampft werden, es standen meist die Führer drinne und es sah einem bachischen Triumphwagen vollkommen gleich. Zwischen den Weinreihen ist der Boden zu allerley Arten hiesigen Getraides besonders Türckisch Korn und des Sorgo benutzt. Wenn man gegen Vicenz kommt streichen wieder Hügel von Nord nach Süden es sind vulkanische, schliesen die Ebne, und Vicenz iegt an ihrem Fuße, und wenn man will in einem Busen den sie bilden.”

Über die Einwohner von Vicenza:

“Die Vicentiner muß ich loben daß man bey ihnen die Vorrechte einer grosen Stadt geniest, sie sehen einen nicht an, man mag machen was man will, sind aber übrigens gesprächig, gefällig pp. Besonders wollen mir die Frauen sehr wohlgefallen. Die Veroneserinnen will ich nicht schlechten, sie haben eine gute Bildung, vorgebaute Gesichter aber meistens Bleich, und der Zendal thut ihnen Schaden weil man unter der schönen Tracht auch was schönes sucht. Hier aber find ich gar viel hübsche Wesen, besonders die schwarzhärigen haben ein eigen Interesse für mich, es giebt auch eine blonde Art die mir aber nicht behagen will. Was mir wohlgefällt ist eine freyes allgemeines Wesen, weil alles immer unter freyem Himmel ist und sich herum lehnt, wird man einander so gewohnt. Heut in der Kirche Madonna del Monte hat ich ein artig Begegniß, konnt es aber nicht fortsetzen. (…) Ich habe nun erst die zwey Italienischen Städte gesehn, Töchter Städte und habe fast noch mit keinem Menschen gesprochen aber ich kenne meine Italiäner schon gut. Sie sind wie die Hofleute, die sich fürs erste Volk der Welt halten und bey gewissen Vortheilen die sie haben, sichs ungestraft un bequem einbilden können. Uberhaupt aber eine recht gute Nation, man muß nur die Kinder und die gemeinen Leute sehn, wie ich sie jetzt sehe und sehen kann, da ich ihnen immer exponirt bin und mich ihnen exponire.”

“Übrigens gefallen mir di Vicentiner immer sehr wohl; sie haben eine freye Art Humanität, die sie aus einem immer öffentlichen Leben herkommt. Auch gehts von einem zum andern, Kirchen, Marckt, Spazirgang, Wallfahrt, (…) Theater, öffentliche Specktakel, Carnaval pp. und das weibliche Geschlecht ist im Durchschnitte schön, und leben so ohne Coquetterie vor sich hin, sind durchaus reinlich gekleidet. Ich habe si alle recht scharf angesehn und in denen acht Tagen nicht mehr als Eine gesehen, von der ich gewiß sagen mögte daß ihre reize feil sind. Auch die Männer find ich höflich und zuvorkommend. (…) Sie sehen einen von Kopf biß zu Fuße an, und scheinen einen trefflich Phisiognomischen Kleiderblick zu haben. Nun ists mein Spas sie mit den Strümpfen irre zu machen, nach denen sie mich unmöglich für einen Gentleman halten können.

Der Grand Tour von Johann Wolfgang Goethe (3. September 1786 – 18. Juni 1788).

Quelle: Goethe nel Veneto Impressioni ed immagini. A cura dell’Assessorato del Turismo, Regione Veneto, 1986.