Die Europäische Union verliert Geschäftsmöglichkeiten wegen mangelnder Sprachkenntnisse

Professionelle Fachübersetzung, Dolmetschen und Sprachkurse als Bestandteile einer Sprachstrategie

Die europäische Wirtschaft laufe Gefahr, an Wettbewerbsfähigkeit einzubüßen, da andere Länder inzwischen bessere Fremdsprachenkenntnisse vorweisen können als die EU, heißt es in einem Bericht, den Unternehmensvertreter vorlegten.

Aufstrebende Wirtschaftsländer, besonders in Asien und Lateinamerika, würden sich rasch die nötigen umfangreichen Sprachenkenntnisse aneignen, um für den internationalen Wettbewerb gerüstet zu sein. Europa müsse daher den Erwerb von Fremdsprachenkenntnissen sowohl innerhalb als auch außerhalb des formalen Bildungssystems stärker fördern, um mithalten zu können. Das geht aus dem endgültigen Bericht des Wirtschaftsforums für Mehrsprachigkeit mit dem Titel “Unternehmen Sprache – Wettbewerbsfähiger durch Sprachkenntnisse“ hervor.

Ein Wettbewerbsvorteil

Dem Bericht zufolge, der vom EU-Kommissar für Mehrsprachigkeit Leonard Orban und dem Vorsitzenden des Wirtschaftsforums Vicomte Etienne Davignon vorgestellt wurde, gaben 11 % der befragten kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) an, aufgrund sprachlicher und interkultureller Defizite bereits Kunden verloren zu haben. Dabei könnten sie ihre Exportleistung deutlich verbessern, wenn es ihnen gelänge, Sprachen „strategisch“ einzusetzen.

„Sprachen werden nicht nur benötigt, um den Verkauf und die Vermarktung zu fördern. Die vorgelagerten Wertschöpfungsketten überschreiten die Grenzen im gleichen Maße wie internationale Dienstleistungen und für den Export bestimmte Fertigerzeugnisse. Und die Arbeitsmärkte sind ebenso global. Die Integration mehrsprachiger und multikultureller Beschäftigter ist von entscheidender Bedeutung“, betont der Bericht und hebt hervor, dass Mehrsprachigkeit auch dabei helfen könnte, Millionen von Einwanderern in die europäischen Arbeitsmärkte zu integrieren.

Um Erfolg in der internationalen Wirtschaft zu haben, sollten sich KMU auf die Verbesserung der englischen Sprachenkenntnisse konzentrieren, so der Bericht. Dennoch seien Deutsch, Französisch und Russisch auch sehr stark gefragt, ebenso wie Mandarin und andere chinesische Sprachen.

Kommissar Orban zufolge wird der Bericht in die Kommissionsmitteilung zum Thema Mehrsprachigkeit einfließen, die im September veröffentlicht werden soll. Dies spiegelt seine Überzeugung wider, dass Sprachen der Wirtschaft in der EU einen Wettbewerbsvorteil verschaffen würden. Tatsächlich empfiehlt der Text eine ganze Reihe von Maßnahmen, die auf Unternehmens-, regionaler, nationaler und europäischer Ebene getroffen werden müssten, um aus der Sprachenvielfalt der EU einen Wettbewerbsvorteil zu machen.

Sprachstrategien für Unternehmen

Der Bericht hebt vor allem die Bedeutung von Fremdsprachenstrategien für die höchsten Hierarchiestufen des Managements in europäischen Unternehmen hervor. Solche Strategien sollten dem Bericht zufolge Investitionen in die Weiterbildung, die Anstellung von Muttersprachlern und die Gewährleistung einer guten mehrsprachigen Kommunikation über IKT mit besonderem Augenmerk auf das Internet (wie internetgestützte Übersetzungen) und neue Medien umfassen.

Auf nationaler Ebene fordert er besonders die Regierungen dazu auf, die Bandbreite der in der Schule gelehrten Sprachen zu erweitern. Er betont außerdem die Bedeutung der Sprachkenntnisse – die man sich im Laufe seines Lebens angeeignet hat – angemessen anzuerkennen, um die sprachlichen Fähigkeiten der Jobbewerber zu verbessern. „Eine offizielle Anerkennung des nicht formalen und informellen Lernens ist jedoch nicht die Regel und derartige Sprachkenntnisse werden nur selten als echte persönliche Verdienste anerkannt“, beklagt der Bericht.

Verbesserungen der finanziellen Förderung erforderlich

Der Bericht verlangt weiterhin, dass die EU-Kommission „alle einschlägigen Informationen über Gemeinschaftsprogramme, die Sprachkenntnisse in der Wirtschaft fördern“ auf einer Internetseite sammelt, „die so als One-Stop-Shop den Unternehmen praktische Leitlinien für die Beantragung von Fördermitteln bietet“.

Er sagt, dass das Bewusstsein der EU-Unternehmen für die Fördermöglichkeiten der Gemeinschaft und wie man sich dort bewerben muss, sehr schwach ausgeprägt sei, während die Bewerbungsverfahren weithin als „mühselig“ und „zeitraubend“ beschrieben würden. Außerdem seien die Fördersummen gering. Deshalb müsste deutlich gemacht werden, dass der Großteil der finanziellen Unterstützung von den Regierungen und regionalen Behörden kommen müsse, betont der Bericht.

Vicomte Davignon sagte, dass der Erfolg dieser Programme niedriger als erwartet gewesen sei. Orban gab zu, dass viele Unternehmen unglücklicherweise nicht über die Initiativen der Kommission Bescheid wüssten und versprach zu untersuchen, wie dieses Problem so schnell wie möglich angegangen werden könne.

Englisch als ‚Bestandteil der Grundbildung’

Der Bericht schlussfolgert, dass „Forschung und Erfahrung im Allgemeinen auf ein gewisses Maß an Selbstzufriedenheit hinweisen, da Englisch als die einzig notwendige Sprache für die internationale Wirtschaft angesehen wird“.

Orban gestand ein, dass man die Bedeutung der englischen Sprache nicht verleugnen könne und sagte auf einer anderen Veranstaltung am 9. Juli 2008, dass ihre Nutzung in der globalen Wirtschaft sich so entwickelt hätte, dass Englisch zu einem Bestandteil der Grundbildung geworden sei, über den man verfügen müsse. Deshalb würden die Unternehmen in der EU von der Kenntnis anderer Sprachen profitieren können.

Gleichermaßen sagte Davignon, das Wirtschaftsforum sei ausreichend realistisch gewesen, um zu verstehen, dass Englisch von essentieller Bedeutung sei, habe aber auch hervorgehoben, dass die englische Sprache allein nicht mehr genüge, um den Herausforderungen, mit denen sich die Unternehmen konfrontiert sähen, zu begegnen. Er warnte außerdem, dass man die Notwendigkeit für Mehrsprachigkeit nicht überall in Europa gleichermaßen beachte.

‚Trend zur Einsprachigkeit’

Davignon  forderte die EU-Kommission, die nationalen Regierungen und die Unternehmen dazu auf, die Schlussfolgerungen des Berichts zu berücksichtigen. Er sei Zeuge dafür geworden, dass die Wirtschaftswelt im Laufe seines Arbeitslebens immer einheitlicher geworden sei und einen Trend zur Einsprachigkeit vollziehe. Er warnte davor, dass man diesen Trend nicht über Nacht umkehren könne.

Obwohl EU-Kommissar Orban nicht sagen konnte, wie viele der im Bericht enthaltenen Empfehlungen in der neuen Strategie zur Mehrsprachigkeit enthalten sein werden, sagte er, man wolle eine dem Thema weiter nachgehen. Er verlieh damit seiner Hoffnung Ausdruck, dass die EU-Wirtschaftsminister die Empfehlungen berücksichtigen werden.